Der ideale Sommerreifen
Nicht selten stellen Verbraucher und Automobilindustrie einander widersprechende Forderungen an einen Reifen. Mit ausgefeilten Techniken gelingt es den Reifenentwicklern heute dennoch, Eigenschaften in einem Reifen zu realisieren, die bisher als unvereinbar galten.
Ein klassischer Zielkonflikt der Reifenentwicklung ist der Widerspruch zwischen Mikro- und Makrokontakt. Besonders beim Sommerreifen spielt er eine entscheidende Rolle. Aber nur die besten Sommerreifen lösen diesen Konflikt.
Selbst der Laie weiß: Je besser der Kontakt zur Straße, umso besser die Haftung des Reifens. Aber Kontakt ist nicht gleich Kontakt! Der Makrokontakt entsteht dadurch, dass der Reifen auf die Fahrbahn gedrückt und dabei zwischen Gummi und Boden Reibung erzeugt wird. Damit der Makrokontakt des Reifens groß ist, darf er sich während der Fahrt nur im geringen Ausmaß verformen: Er muss formstabil sein.
Der Mikrokontakt dagegen entsteht durch die innige Verzahlung von Reifengummi und Bodenbelag. Besonders groß ist die Mikrohaftung zwischen einer "weichen", das heißt flexiblen Gummimischung und einem rauen Boden.
Und schon ist er da — der Zielkonflikt! Denn gute Makrohaftung bedeutet hohe Reifenstabilität, gute Mikrohaftung jedoch hohe Flexibilität. Das heißt: Je flexibler, also je weicher ein Reifen ist, umso besser ist die Kraftübertragung auf die Straße (der "Grip") beim Beschleunigen, Bremsen und in Kurven.
Aber je stabiler, also je härter ein Reifen ist, umso besser lässt er sich handeln, und umso präziser ist das Fahrverhalten. Die einst obligatorische Frage des Reifenfachmanns an den Sommerreifen-Kunden lautete denn auch: "Wollen Sie lieber schwammig fahren oder lieber sportlich präzis?"
Bei modernen Sommerreifen erübrigt sich diese Frage. Sie erreichen sowohl einen guten Makrokontakt als auch eine guten Mikrokontakt zur Straße. Mit Techniken, welche die Reifenentwickler der Natur abgeschaut haben.
Dazu zwei Beispiele.
Die flinken, sprungstarken Katzen können Sprints gut abbremsen. Die besondere Bremskraft einer Katzenpfote resultiert daraus, das sich die Pfote beim Bremsen abflacht und verbreitert. Dadurch vergrößert sich die Auflagefläche (der Fachmann spricht von "Aufstandsfläche") und somit der Makrokontakt. Nach diesem Vorbild entwickelten Reifenhersteller einen Sommerreifen, dessen Seiten so konstruiert sind, dass sich die Aufstandsfläche beim Bremsen automatisch verbreitert. Dadurch legt der Reifen im richtigen Moment ein paar entscheidende Prozente Grip zu.
Ein zweites Beispiel ist die Entwicklung von Reifenlaufflächen, in denen sich flexible und stabile Strukturen auf engstem Raum abwechseln. Hier haben die Entwickler auf eine andere Meisterleistung der Natur geschaut: auf das Spinnennetz. Die zum Mittelpunkt hin laufenden Strukturfäden sorgen für die nötige Stabilität, also Festigkeit des Netzes, während die rundum laufenden Fäden dem Netz die nötige Flexibilität, also Nachgiebigkeit verleihen. Modernste Sommerreifen greifen das Prinzip auf: In ihrer Lauffläche sind zwei Netzwerke miteinander verwoben: ein flexibles, weiches Netz, das den Mikrokontakt optimiert, und ein stabiles, hartes Netz, das den Makrokontakt optimiert. Reifenexperte Hans-Jürgen Drechsler, Geschäftsführer des Bundesverband Reifen und Vulkaniseur-Handwerk (BRV e.V.), Bonn, sagt es fachlich: "Durch ihre hohe dynamische Steifigkeit erreichen diese Sommerreifen eine hervorragende Bremsperformance — und das ohne Beeinträchtigung der Fahrpräzision."
Der ideale Sommerreifen ist also weich und hart zugleich, dank natürlicher Vorbilder.
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